Experimentierfeld

Die Stadt wird zu einem informellen Experimentierfeld des Zusammenlebens und neuen Belebens.

Wieviel Raum braucht der Mensch?
Wieviel Raum braucht der Mensch?

Die rote Gondel

Anno 2059. Früher Morgen an einem kalten Novembertag. Giovanna blickt aus dem Fenster, sieht
den dicken Nebel – und steigt aufs Dach des Hauses, in dem sie seit 5 Jahren lebt.
Auf der Dachterrasse stehen andere Menschen. Alle mit langen Novembergesichtern. Eine Sirene
ertönt. Puuuuup. Puuuuup: Das erlösende Signal. Plötzlich kommen Leben und Freude in die
Gesichter. Schnelle Beine. Schnelle Hände. Die Menschen rennen die Treppen runter in ihre Zimmer
und Wohnungen – und stehen 5 Minuten später wieder auf dem Dach. Mit Sonnenbrille, Winterjacke
und guten Schuhen.
Von links nähert sich die rote Gondel. Die Glücksgondel vom Kreis 5. Sie schluckt die fröhlichen
Menschen und spuckt sie 5 Minuten später an der Sonne wieder raus. Sonnenbaden, spazieren: Die
Vitamin D-Speicher sind schnell gefüllt. Die StädterInnen kehren zufrieden zur Gondel zurück. Bereit
für die nächsten kalten Tage in der grossen Stadt.
Unter ihnen Giovanna. Sie freut sich auf Zürich, jetzt, wo sie "das Licht" gesehen hat. Und weil sie
weiss, dass sie ein gutes Zuhause hat. Giovanna belebt 50m2, allein. Das ganze Zuhause ist aber viel
grösser, bietet Platz für 300 Kinder, Männer und Frauen. Sie verteilen sich auf grössere und kleinere
Wohnungen und Zimmer (für Studierende). Giovanna kennt alle vom Sehen – und 50 sogar mit
Namen. Denn mit diesen 50 Menschen ist sie verbunden im sogenannten Wohnclub.
In diesem Club werden alle Dinge organisiert und angeboten, die man im Leben so braucht:
Kinderbetreuung, Alter- und Einkaufshilfe, Lebensmittel, Medikamente, Aufgabenhilfe, Putzdienst.
Bezahlt wird mit eigener Lebenszeit: Wer anderen hilft, hat diese Zeit (irgendwann) für sich zugut.
Egal, in welchem Bereich er oder sie Unterstützung braucht. Niemand muss, alle dürfen. Giovannas
Konto ist schon gut gefüllt. Sie gibt Nachhilfeunterricht in Mathematik und kauft für ein altes Ehepaar
ein. Wenn sie irgendwann keine Lust mehr hat, kann sie einfach aufhören. Basta. Das war’s.
Giovanna geniesst das Gefühl, sehr frei und individuell in dieser Gemeinschaft zu leben, die sich
manchmal anfühlt wie eine Grossfamilie – dann wieder wie ein grosser Freundeskreis. Giovanna ist
56. Sie will ihr Leben an diesem schönen Ort verbringen im Wissen, dass man sich um sie kümmert,
wenn sie das braucht. Giovanna lebt in Zürich. Im Kreis 5. Gleich hinter dem Bahnhof. In einem alten
Stadtbuch hat sie gelesen, dass hier früher mal Autobusse parkierten.
Angela C

 

 

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